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Die Spiekerooger Klimagespräche (spiekerooger-klimagespraeche.de) sind ein sehr spannendes Forum, dass leider nur für einen geschlossenen und auserwählten Kreis zugänglich ist. Hier ist anzumerken, was die Thesen und Informationen der Wissenschaftler nützen, wenn sie nicht einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und gemeinsam diskutiert werden? Die Experten sind sich doch eh einig über Klimawandel, Folgen und notwendigen Wandel von Gesellschaft und Wirtschaft. Aber hier hat meiner Meinung nach die Wissenschaft wirklich versagt, weil sie es seit Jahrzehnten nicht geschafft hat, ihre Forschungsergebnisse, Ideen einer breiten Masse zugänglich zu machen. Man bleibt dann doch lieber unter sich. Trotzdem möchten wir einige spannende Aussagen von Teilnehmern der Spiekerooger Gespräche 2010 nachfolgend aufführen:

Mathias Binswanger

Wenn das Bruttoinlandprodukt pro Kopf einmal ein bestimmtes Niveau erreicht hat, dann macht weiteres Wachstum die Menschen nicht mehr glücklicher oder zufriedener. Das Glücksempfinden stagniert und zwar in allen Ländern, für die entsprechende Daten vorliegen. Es scheinen Mechanismen zu existieren, die in entwickelten Ländern einer Zunahme des subjektiven Wohlempfindens mit dem Wirtschaftswachstum entgegenwirken. Diese Mechanismen lassen sich als Tretmühlen interpretieren, da die Menschen, obwohl sie stets einem höheren Einkommen hinterher rennen, glücksmäßig an Ort und Stelle treten. Daraus ergibt sich ein Dilemma für die moderne Wirtschaft: Wachstum macht die Menschen nicht glücklicher und erschwert den Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise, aber es ist notwendig für das Funktionieren der Wirtschaft.

Felix Ekardt

Wenn aktuell in Politik, Praxis und Wissenschaft alle noch schnell auf die Züge „Nachhaltigkeit”, „Klimawandel” oder „Wachstumskritik” aufspringen, wird dabei meist Bekanntes als Neuigkeit verkauft: Die nötigen naturwissenschaftlichen Problemdiagnosen, die relevanten persönlichen Handlungsfelder, die ethisch-juristischen Prinzipien und Abwägungsregeln, die deskriptiven Analysen zu Ursachen und Transformationsbedingungen weg von der Nicht-Nachhaltigkeit und die politisch-rechtlichen Instrumente (Mengensteuerung, nicht einfach „Mix”) liegen relativ klar zutage. Es fehlt die reale Aktion. Auch deutlichere Vorbilder wären vielleicht hilfreicher als immer neue Debatten. Politisches Engagement, Fleischkonsum, Flugreisen, Individual-Pkw oder Raumwärme müssen von reinen „Debatten-Themen” zu „Handlungs-Themen” und „Glücks-Themen” werden.

Udo Kuckartz

WIR müssen uns einschränken, aber ICH nicht – das ist die dominierende Haltung der Mitglieder westlicher (Konsum)Kulturen. Quasi reziprok zu Jonas’ Perspektive, als er die Frage „Wie viel Glück ist möglich?” stellte, bin ich überzeugt, dass unsere spezifische Ausformung des Strebens nach (individuellem) Konsumglück verhindert, dass wir die existenzielle Bedrohung der Gattung überhaupt an uns heranlassen und unser Handeln signifikant ändern. Von der Welt des Konsums somatisiert, vom allgegenwärtigen fürsorglichen Staat beruhigt, von der ständigen Medienberichterstattung über Katastrophen abgehärtet, wollen wir nicht so recht wahrhaben, was auf uns zukommt.
Was bringt mir das, mich einzuschränken, fragt sich der einzelne Mensch in der zweiten Moderne und strebt nach dem Porsche Cayenne oder VW Touareg, so lange es noch geht.

Reinhard Loske

Der Green New Deal wird zum neuen Mainstream, auch wenn es manche noch nicht kapieren und zu verhindern trachten. Darüber könnte man sich eigentlich uneingeschränkt freuen. Kann man aber nicht so ohne weiteres, denn es leben auch Mythen wieder auf, die es eigentlich zu überwinden gilt. Das gilt vor allem für die These vom (diesmal grünen) Wachstum durch (diesmal Öko-)Innovationen und (diesmal bewusstem) Konsum. Viele Fragen werden in diesem Diskurs gar nicht mehr gestellt, etwa die nach dem rechten Maß und der gesellschaftlichen und individuellen „Durchhaltbarkeit” des „Immer Mehr, immer schneller, immer weiter”. Die im Gegenzug aufkommende Debatte über die „Postwachstumsgesellschaft” ist gut und nützlich. Wir brauchen sie als Gesellschaft dringend. Man muss aber verdammt aufpassen, sie nicht aus einer bloßen Perspektive des „Überdrusses am Überfluss” zu führen – aus „Ekel vor dem Zuviel”. Dann kann sie leicht als Spleen einer gelangweilten „Bionade-Bourgeosie” denunziert werden (von links und rechts). Was nottut ist eine soziale Theorie der Suffizienz, eine Politik der Mäßigung, die (im umfassenden Sinne) auf Balance setzt.

Imke Schmidt

In den letzten Jahren wird zunehmend die These vertreten, dass Konsum nicht in dem Maße glücklich macht, wie er es in verheißungsvollen Momenten des „Shoppens” verspricht. Vielmehr sinke das Glücksniveau tendenziell mit steigendem Einkommen und zunehmenden Konsumoptionen. Für das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung ist das zunächst eine gute Nachricht, denn das Konsumniveau westlicher Industrienationen ist maßgeblich für diverse Probleme im Bereich Umwelt und Klima verantwortlich. Die Alternative lautet daher: Weniger materieller (Massen)Konsum, dafür mehr Lebensqualität im Sinne von Familie, Freizeit oder Bildung.
Das hört sich vielversprechend an, scheint aber mit gewachsenen kulturellen Mustern in (westlichen) Konsumgesellschaften zu kollidieren. Ob nun Ersatzbefriedigung oder nicht, müssen wir zunächst anerkennen, dass Konsum in vielen modernen Gesellschaften wichtige soziale und auch persönliche Funktionen erfüllt. Konsum macht also in gewisser Weise durchaus „glücklich” – ob es sich dabei um „falsches” oder „richtiges” Glück handelt, sei zunächst einmal dahingestellt. Um eine Entwicklung weg vom materiellen Konsumstil hin zum qualitativen Lebensstil zu schaffen, müssen die mit dem Konsumieren verbundenen Glücks- (und Unglücks-)Momente daher näher durchleuchtet werden. Denn solange nicht klar ist, wofür genau ein Ersatz gefunden werden soll, laufen die besten „Qualitäts”-Strategien ins Leere.

Harald Welzer

Kapitalismus bedeutet die Herrschaft der Gegenwart über die Zukunft. Es ist falsch, wenn immer wieder gesagt wird, an den Börsen werde Zukunft gehandelt. Nicht erst, seit dort das meiste in den Sekundenbruchteilen des Computerhandels erledigt wird, gilt das Prinzip der kurzfristigen Gewinnmaximierung, das den Zukunftshorizont der Quartalsberichte selten überschreitet. Denn das Kernprinzip dieser Art von ökonomischer Vernunft besteht darin, zum Erzielen kurzfristigen Nutzens langfristige Schäden in Kauf zu nehmen. Mit der zynischen Pointe, unter Nutzung der gegenwärtigen Gewinnchancen so viel zu erwirtschaften, dass die Beseitigung der leider unvermeidlichen Schäden finanziert werden kann.
Wie das in der Wirklichkeit aussieht, ließ sich am Fall BP eingehend studieren. Klar ist: Die Zukunft gerät bei dieser Form des Wirtschaftens automatisch unter das Diktat der Gegenwart. Das fiel so lange nicht auf, wie die Welt noch nicht das Stadium der Ressourcenübernutzung erreicht hatte, sondern ein scheinbar unendlicher Planet zur Verfügung stand, um die in jeder Hinsicht kostspielige westliche Lebensform und ihre Glücksversprechen zu speisen. Heute kommt es darauf an, ein anderes Glück als das des expansiven Konsums greifbar zu machen. Dabei wird man sich zumuten müssen, marktwirtschaftliche Grundkategorien wie Eigentum, Wachstum, Reichtum in Frage zu stellen – womöglich alles, was auf -tum endet.

 

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