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Leider wieder fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit sind die Spiekerooger Klimagespräche im November zu Ende gegangen.
Unter dem Motto „Wir müssen endlich handeln, damit die Welt Ziele hat“ haben sich drei Tage rund 30 Menschen aus den Bereichen Wissenschaft, Beratung, Design, Publizistik, verschiedener gesellschaftlicher Organisationen und Initiativen in der Kogge auf der grünen Nordseeinsel beschäftigt. Eine große Rolle spielte dabei die Diskussion, wie sich die vielfältigen Akteure, die sich in der jüngeren Vergangenheit auf den Weg für eine bessere Gesellschaft gemacht haben, erfolgreicher und über ihre jeweiligen thematischen Felder hinaus zusammenarbeiten können.

Nachfolgend veröffentlicht futurestrategy eine Auswahl der spannenden Thesen:

Daniel Dahm
1. These: Externalisierungen internalisieren
Externalisierung als Verzerrung des Wettbewerbs gesetzlich kennzeichnen, und mit der Pflicht zur Internalisierung und/oder Kompensation verbinden (Externalisierung von Kosten = Investitionen in Risiken); Erhaltungsinvestitionen (Internalisierungen und Kompensationen = Substanzerhalt) zur Risikoreduktion und Renditesicherung inzentivieren.

2. These: Nachhaltige Infrastrukturen aufbauen
Direktinvestments in nachhaltige Sachwerte durch Regulative national und auf EU-Ebene för-dern; Basel III. und Solvency II. für nachhaltige Infrastruktur-Investitionen anpassen; Integrierte Nachhaltigkeit durch Kopplung monetärer und nicht-monetärer Wertschöpfungsstufen inzentivieren.

3. These: Neue Wohlstandsmodelle und Lebensstile gestalten, diskutieren
Der Umgang mit kultureller und ökologischer Differenz, die Suche nach einer Balance von Haben und Sein und die Stärkung des schöpferischen Handelns von und zwischen Menschen sind wesentliche Aufgaben, die mit der Suche nach Zukunftsfähigkeit verbunden sind. Eine Ethik des Lebens insgesamt ist heute aktueller und mehr gefordert als je zuvor.

Arne Dunker
Immer neue Krisen-Meldungen und eine mediale Informationsüberflutung fördern in der Bevölkerung das Gefühl einer Hilflosigkeit gegenüber Bedrohungen der eigenen Zukunft. Gleichzeitig bleibt die vielfach angekündigte Klimakatastrophe scheinbar aus, weil uns der Klimawandel nur in einem schlei-chenden Prozess unserer Lebensgrundlagen beraubt. Als Konsequenz konzentrieren sich immer mehr Menschen auf ihr individuelles Lebensglück und wenden sich von Gemeinschaftsaufgaben wie dem Klimaschutz ab. Als Gegenmittel müssen abstrakte Begriffe wie „Klima“ mit Leben gefüllt werden. Wer begreift, wie tief persönliches „Glück “ vom Klima geprägt ist, gibt dem Wort Klimaschutz einen viel höheren Stellenwert. Der Anstoß zum Umdenken richtet sich vor allem an junge Menschen. Sie sind offener für Neues als „Alte“, werden nicht durch vorgeprägte Verhaltensmuster im Handeln ein-geschränkt und können als Botschafter Einfluss auf Ältere nehmen. Im Vordergrund muss auch für sie das positive Beispiel stehen. Deswegen brauchen wir – als Kontrapunkt zu der zögerlich wirkenden politischen Ebene – eine bessere Sichtbarkeit von Akteuren, die in Wirtschaft und Gesellschaft erfolg-reich nachhaltiges Handeln vorleben und ein neues Verständnis von Verantwortung vermitteln.

Andreas Kirsche
Die Themen rund um den Klimawandel brauchen eine andere, eine zusätzliche Form der Vermittlung. Genauso wie sich den Menschen die Vergangenheit durch gute Geschichten und Bilder in Literatur, Kunst und Film anschaulicher erschlossen hat als durch jahreszahlengetriebene Faktendichte, braucht es ein breites Spektrum von Geschichten, die ein Gefühl und ein Verständnis von einer Zukunft im Klimawandel ermöglichen. Jenseits von Zahlen, Daten, Fakten muss für den Menschen erfahrbar werden, um was es geht, was auf dem Spiel steht. Eine Übersetzung der bisherigen Erkenntnisse zum Klimawandel in Geschichten, die ein Bild entstehen lassen, wie die Welt in 20, 50 oder 100 Jahren aussehen wird. Nicht noch mehr Diagramme, Charts oder kryptische Temperaturkurven. Sondern Geschichten, die Menschen berühren können: Was passiert mit mir? Wie wird mein Alltag aussehen? Und was für Folgen hat das für mich und meine Familie? Wie sehen Lösungen aus? Wie Niederlagen? Das schafft zusätzliche Relevanz. Denn solange Apple, BMW oder Coca-Cola es schaffen, die besseren Geschichten zu erzählen, werden deren Geschichten und die damit verbundenen Haltungen, Leidenschaften und Lebensstile auch mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Reinhard Loske
Die Bekämpfung des Klimawandels erfordert Politikwandel, Wertewandel, Technologiewandel und Lebensstilwandel gleichermaßen. Die verschiedenen Formen des Wandels greifen ineinander und bilden ein Ganzes. Falsche Antagonismen wie „Effizienzrevolution statt Lebensstilwandel“, „Green New Deal statt Wachstumskritik“ oder „Chancen- statt Risikodiskurse“ (oder jeweils umgekehrt) lenken dabei nur vom Ziel ab. Richtig ist, dass die Debatte über Klimaschutz einen positiven und menschen-freundlichen Grundangang braucht, in dem Werte wie Sicherheit, Gerechtigkeit, Glück und neuer Wohlstand eine her-ausragende Rolle spielen müssen. Falsch ist es m. E. aber, den Klimaschutz auf die Rolle eines neuen Konjunkturmotors für „grünes Wachstum“ festzulegen, allein um vordergründige Akzeptanz zu erzielen. Klimaschutz als gesellschaftliches Projekt braucht eben nicht nur Vernunft und Rechenhaftigkeit, sondern auch eine überzeugende Dramaturgie mit interessanten Akteuren und einer gehörigen Portion Spannung.

Niko Paech
Die letzte Ausfahrt vor Erreichen jenes unwegsamen Terrains, das durch historisch einmalige ökologi-sche und ökonomische Krisenszenarien bestimmt ist, wurde leider verpasst. Dabei hatten wir an eine moderne Gestaltungsvision geglaubt: Schließlich sind wir aufgeklärt und frei, also zum Lernen und vernunftgeleiteten Handeln befähigt, überdies in der Lage, eine vorsorgende Politik ins Werk zu set-zen, die den Fortschritt vollstreckt und durch Sicherheit stabilisiert. Dieser Traum ist geplatzt. Die risi-koaffine Dynamik der Moderne hat die Räume selbst regulierter Gestaltung (Hartmut Böhme) – ich würde sogar sagen: Sphären, in denen Exzesse der Verantwortungslosigkeit zur unhinterfragten Le-benspraktik gedeihen können – anwachsen lassen. Das monströs aufgetürmte, auf materialisierter Freiheit beruhende Wohlstandsmodell ist nicht mehr zu retten. Jetzt kann nur noch versucht werden, den einstürzenden Turm schnell zu verlassen oder wenigstens die eigene Fallhöhe zu verringern. Souveränität durch Genügsamkeit wiederzuerlangen ist das, was noch bleibt, etwa durch daseins-mächtige Alltagspraktiken, resiliente Rettungsboote und -inseln. Der Verfasser von „Small is beautiful“ hat in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag. Was für ein Zufall.

Wolfgang Sachs
Wie kann geschehen, was geschehen muss? Zunächst einmal ist festzuhalten: Der Wandel ist schon im Gange. Zwar haben Minderheiten nicht die Macht, aber sie haben Einfluss. So hat in den letzten Jahrzehnten quer über den Globus eine „Bewegung ohne Namen“ (Paul Hawken) Aufschwung ge-nommen, vom Biolandbau zum Fairhandel, von Null-Energie-Häusern zur Solarindustrie, von Stadtteil-Initiativen zu globalen Forschungsnetzwerken. Die Bewegung ohne Namen hat keinen Kopf und kein Zentrum, aber sie ist vielgestaltig und global. Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und – außerhalb Europas – die Rechte indigener Völker sind allenthalben ihre Leitmotive, und bei aller Verschiedenheit vereint sie ein Grundgedanke: Die Rechte der Menschen und das Lebensnetz der Natur sind wichtiger als Güter und Geld. Es ist kein Zufall, dass für diese Neue Internationale weder die Sichel noch der Hammer als Symbol in Frage kommen, sondern allenfalls das Internet. Worauf es ankommt, ist Überzeugungskraft und Vernetzung quer durch die Gesellschaft, die Manifestation auf der Straße kommt vor allem ins Spiel, wenn es gilt, Widerstand gegen falsche Lösungen zu leisten. Der Konflikt um Zukunftsfähigkeit ist, wenigstens in den wohlhabenden Ländern, nicht Klassen bildend, das heißt die Auseinanderset-zungen laufen nicht entlang der Grenzen von Klassen oder Institutionen, sondern durch sie hindurch. Die Neue Internationale operiert mehr durch die Verbreitung konkreter Utopien als durch die Zusammenballung von Kräften; in ihrer Wirkungsweise folgt sie dem epidemiologischen Modell der Ansteckung und nicht dem mechanistischen der Kräftekonzentration.

Tilman Santarius
40 Jahre Umweltbewegung, und sie kann stolz sein: NGOs haben sich mächtig professionalisiert, grüne Unternehmensverbände sind entstanden und Think Tanks boomen. Durch ihre zunehmende Konzentration auf technokratische Lösungskonzepte für Veränderungen im Rahmen von (umwelt-) politischen Prozessen haben sie viel erreicht. Und doch laufen politische Reformprozesse viel zu langsam, und die Verschränkung der Hunger- mit der Energie-, Klima- und Wirtschaftskrise lässt die Zukunft komplexer erscheinen, als mancher dachte. Bis zur großen Transformation ist es noch ein weiter Weg! Statt aber nach neuen Akteuren zu rufen, sollten die bestehenden ihre Strategien überdenken: um wesentlich grundlegender die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu ändern und neben technischen Lösungen auch einen kulturellen Wandel nebst Verhaltensänderungen anzustoßen. Hierfür braucht es neue Forschungsagenden und Aktionsformen, um ökologischen Problemen vermehrt mit systemischen Lösungen begegnen zu können.