Ich und meine Frau können sich glücklich schätzen, dass wir einen großartigen Freundeskreis haben. Herzliche und intelligente Menschen mit ihren Familien, mit denen man gerne zusammen ist, Ausflüge macht oder zusammen kocht. Auch Diskussionen über Gott und die Welt kommen nie zu kurz. Natürlich kommen wir auf das Thema Nachhaltigkeit, Klimawandel, etc. fast immer zu sprechen. Und genau hier zeigt sich – im kleinen Mikrokosmos des Freundeskreises – das große Dilemma, in dem wir alle stecken: Die Diskrepanz zwischen Umweltbewusstsein und Handeln. Die Stimmung schwankt zwischen Hoffnungslosigkeit („wir können eh nichts ausrichten, schau dir doch bloß die Entwicklung in China an“), Sarkasmus („da müssen in Zukunft halt meine Kinder mit klar kommen“), Aufmunterung („wir packen das“) und manchmal schlicht einfache Verdrängung (ein Argument oder ein Kommentar wird ignoriert). Den meisten – falls sie Kinder haben – geht es bei ihren Tätigkeiten immer um das Beste für den Nachwuchs. Man arbeitet, um für die Familie und die Kinder vorzusorgen, es geht um die richtige Erziehung, die Kämpfe im Alltag, die richtige Schule, die Lehrer, das Schulsystem, das Essen in der Kantine, die Ausbilung und die Sport- und Freizeitaktivitäten. Alle wollen (mit den besten Intentionen) ihre Kinder für eine gute Zukunft vorbereiten. Das unser eigener Lebensstil dem konträr entgegenwirkt, ist dabei den meisten nicht klar oder wird nicht verstanden oder wird ignoriert. Es ist uns Menschen fast unmöglich, soviel Vorstellungs- und Willenskraft aufzubringen, dass wir den Zusammenhang zwischen Hauskauf, SUV-Fahren, zwei- bis dreimal im Jahr mit dem Flieger in den Süden fliegen, fast jeden Tag das Stück Fleisch auf dem Teller und immer den neuesten (technischen) Schnick-Schnack hinterherjagen und der sich dramatisch verschlechternen Zukunft (durch Klimawandel, Ressourcenknappheit, Zerstörung der Biodiversität und massive Ungleichheiten auf der Erde) für unsere Kinder sehen. Es ist schwer sich vorzustellen, dass mein eigenes Handeln soviel Auswirkungen hat, dass meine Kinder in ihrer zukünftigen Entwicklung massiv beeinträchtigt werden. Natürlich sind die Konsequenzen eines einzeln Handelnden nicht entscheidend. Das macht es aber noch schwieriger, sich auf Veränderungen einzulassen. Erst der kollektiv zelebrierte Lebensstil von Millionen von Menschen bringt die Erde an die Grenzen ihrer Tragfähigkeit. Alle unsere Freunde haben wiederum ihre eigenen Freundeskreise, in dem sich die Diskrepanz zwischen Bewußtsein und Handeln fortsetzt. Wie kann man nun aus diesem Kreislauf (auch aus den gesellschaftlichen und kulturellen Zwänge) ausbrechen? Wie kann man die notwendige Veränderung der Verhaltensweisen in Gang bringen? Muß oder kann das nur im privaten passieren? Kann eine Veränderung nur von einer intrinsisch motivierten Einstellung kommen, von einer Einsicht, etwas verändern zu müssen? Ich erhalte oft den Kommentar „Du hast Dich aber verändert“, den ich als Kompliment auffasse, aber der mich manchmal auch frustriert, weil ich mir wie ein nicht verstandener Außenseiter vorkomme, wie ein Spielverderber. Ich stecke tagtäglich in dem gleichen Dilemma wie meine Freunde, aber ich stelle mittlerweile fast alles in Frage: Brauchen wir überhaupt noch ein Auto? Muß es Fleisch sein? Müssen wir in einer großen Wohnung wohnen? Brauche ich noch mehr Dinge (Schnick-Schnack)? Was ist mir wirklich wichtig? Was kann ich tun? Ich stelle fest, dass ich zu den Fragen immer öfters auch Antworten finde und das befriedigt mich sehr. Ich habe meinen Fleischkonsum drastisch reduzieren können und erfreue mich an köstlichen vegetarischen Gerichten (die ich übrigens auch für meine Freunde koche). Ich habe mich befreit vom dem „immer-den-neuesten-technischen-Schnick-Schnack-haben-zu-müssen“ und fühle mich gut dabei zu beobachten wie viele hinter diesen Sachen immer noch her hecheln (egal ob es sich dabei um Klamotten oder Technik oder sonstiges Zeug handelt). Ich bin froh, fast kein Auto mehr fahren zu müssen und meistens mit dem Fahrrad oder dem öffentlichen Verkehr an den gestressten Autofahrern (fast immer) vorbei fahren zu können. Vieles muß sich bei mir noch ändern und es gibt in meiner eigenen Familie noch viel Diskussionsbedarf. Aber ich glaube sagen zu können, dass wir uns auf den Weg gemacht haben.
Den meisten Menschen (auch meinen Freunden nicht) ist gar nicht bewusst, dass eine Veränderung der Verhaltensweise hin zu einem nachhaltigen Verhalten sehr viele positive Aspekte mit sich bringen kann. Ich glaube, dass man auch ein wenig Angst davor hat, weil es unbekanntes Terrain ist. Sicher, man muss auch verzichten können (z.B. auf Status durch Güter), aber dieser Verzicht geht einher mit dem Zugewinn an stressfreier Zeit, einem Mehr an Zeit und dem Gefühl befreiter zu sein, sich besser zu fühlen, so das man am Ende gar nicht mehr von Verzicht sprechen möchte. Wenn wir es schaffen, dass möglichst viele Menschen diese Erfahrungen machen können, kann es gelingen, dass aus dem Bewußtsein, dass man eigentlich was tun müßte, auch ein konkretes Handeln wird, zum eigenen Vorteil und zum Wohle unserer Kinder, unserer Umwelt und unserer Mitmenschen in der Welt. Ich werde jedenfalls versuchen, meinen Freunden das schmackhaft zu machen. Stephan Bohle, Founder futuerstrategy

 

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