Die Erwartungen und die Hoffnungen, die man an die vom Bundestag eingesetzte Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ gesetzt hatte, haben sich nicht erfüllt. Endlich sollte Wohlstand nicht mehr ausschließlich durch BIP Indikator bemessen werden. Das jetzt vorgestellte neue Indikatoren-Konzept ist so kompliziert, dass das BIP weiterhin maßgeblich sein wird, weil es sich so schön einfach kommunizieren läßt (gestiegen oder nicht gestiegen). Die Grafik zeigt, wie komplex sich die Kommission die Bewertung des neuen Wohlstandes vorstellt. Die Medien werden das wohl kaum aufgreifen und wie gewohnt nur über das BIP berichten.
Die Kommission publiziert auf Ihrer Website: Bei der Ermittlung des materiellen Wohlstands wird danach das BIP weiterhin eine zentrale Rolle spielen, stützen müsse man sich indes zudem auf die Einkommensverteilung und auf das Maß der Staatsschulden. Die Beschäftigungsquote, das Bildungsniveau anhand von Schulabschlüssen, die Gesundheit mit Hilfe der Lebenserwartung und das Maß an Freiheit etwa bei der Meinungsäußerung oder den politischen Mitwirkungsmöglichkeiten sollen Auskunft geben über die soziale Lage in der Gesellschaft. Als ökologische Kennziffern benennt die Kommission den Ausstoß an Treibhausgasen und Stickstoff sowie die Artenvielfalt.“
Hinzu kommt noch eine Reihe sogenannter Warn- und Hinweislampen, die das ganze System noch weiter komplizieren. Wieder zeigt sich, dass die Politik speziell dann versagt, wenn es um vermittelbare, attraktive, erstrebenswerte und der Lebenswirklichkeit der Menschen entsprechende neue Konzepte für eine nachhaltige Entwicklung geht. Ein ganz entscheidener Aspekt jeglicher Lösungsansätze ist die Kommunizierfähigkeit, um die Menschen auch erreichen und bewegen zu können.

Meinhard Miegel kommentiert das ganz richtig im Abschlussbericht: „Damit ist ein System geschaffen, das möglicherweise geeignet ist, als Grundlage für einen weiteren Bericht analog zum Familienbericht, dem Armuts- und Reichtumsbericht oder dem Nachhaltigkeitsbericht zu dienen, nicht aber als Ergänzung zum derzeit dominanten BIP. Dafür hätte es in seinen formalen Grundstrukturen diesem kongruent, das heißt überschaubar, transparent, leicht erfassbar, gut kommunizierbar und nicht zuletzt alltagstauglich sein müssen. Das alles ist bei vorliegendem System nicht der Fall. Vielmehr erfordert es ganz erhebliche Vorkenntnisse und ist in Einzelbereichen wie dem Indikator „Mitsprache und Verantwortlichkeit“ (Voice & Accountability) selbst Fachleuten nur schwer verständlich. Deshalb bedarf es – unstrittig – für seine Penetration und Pflege beträchtlichen institutionellen, personellen und finanziellen Aufwands, von dem keineswegs sicher ist, ob und in welchem Umfang er je erbracht werden wird. Das lässt erwarten, dass das BIP – trotz aller seiner Unzulänglichkeiten – auch künftig der alles dominierende Wachstums- und Wohlstandsindikator bleiben dürfte, womit die Aufgabenstellung der Enquete-Kommission verfehlt worden wäre. Für die Zielerreichung zweckdienlicher wäre gewesen, sich – neben dem BIP – auf jeweils einen Indikator für dessen ökologische Kosten und dessen Verteilung sowie – als subjektive Messgröße – auf die gesellschaftliche Exklusion beziehungsweise Integration zu beschränken. Dadurch wäre nicht nur eine hinreichende Wohlstandserfassung, sondern auch ein regelmäßiger das BIP ergänzender Datenfluss gewährleistet gewesen.“

Den vollständigen Abschlussbericht (Dokument 17(26)87) kann man sich unter http://www.bundestag.de/bundestag/gremien/enquete/wachstum/Kommissionsdrucksachen/index.html herunterladen.

 

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