Paech startet einen Frontalangriff zur jetzigen Gesellschafts- und Wirtschaftsform. Messerscharf seziert er die Konzepte von Wohlstand und Fortschritt. Hier liegt m.e. auch die Stärke des Buches. Wenn er z.B. den „Mythos“ Entkopplung entlarvt, das nach seiner Meinung eher an eine „magische Diät für Übergwichtige“ anmutet: Friss das Doppelte – und nimm ab dabei! Dabei handelt sich es sich um das Konzept schlechthin, dass viele Nachhaltigkeitsexperten zur Zeit predigen: Weiterhin Wachstum, aber mit immer weniger Einsatz von Ressourcen. Strategischer Konsum, das Elektroauto und das Passivhaus sind für Paech nur der Austausch von Objekten; effizienter zwar, aber weiterhin wachstumstreibend. Auch ein spannendes Kapitel seines Buches: Wachstumszwänge und Wachstumstreiber. Viele Güter haben heute hoch aufgeladene symbolische Funktionen, die den Rang und den Status seines Besitzers in der Gesellschaft definieren. Schnell befindet man sich in einer „Rüstungsspirale“, um seinen ebenfalls mit Gütern aufrüstenden Nachbarn immer von neuem beweisen zu müssen, dass man auf eine Besetzung der vorderen Plätzen beharrt.
Allein seine Lösungsansätze erscheinen ein wenig fern von der Realität. Nach seinen Vorstellungen lassen sich durch eigene Instandhaltungs-, Pflege- und Reparaturmaßnahmen die Nutzungsdauer der Produkte verlängern und können daher außerhalb industrieller Prozesse eine Daseinsform für die Nutzer bilden, die sich nur noch in 20 Wochenarbeitsstunden der Güterproduktion und des Gelderwerbs widmen. Wie realistisch sind solche Entwürfe? Wie versorgt man 20-30 Millionen Menschen in den Megametropolen, wenn die Güterversorgung ausschließlich lokal und regional erfolgen soll? Im Grunde läuft das Konzept von Paech auf eine Art der Kubanisierung der Gesellschaft hinaus; kleinteilige Subsistenzwirtschaften, kaum Im- und Export, Reparaturleistungen, bis die Dinge auseinanderfallen. Ist das schlecht? Eigentlich schneiden die Kubaner immer gut in den Zufriedenheits- oder Glücksindexes ab, aber wenn man sich den Zustand der Behausungen, die marode Infrastruktur und die eintönigen Speisepläne der Kubaner anschaut, scheint es zweifelhaft, dass dieses Modell der Genügsamkeit und Bescheidenheit, aber auch des Mangels eine Alternative für die Menschen in den Industrienationen darstellen könnte.
Unser Fazit: Nico Paech hat eine lesenswerte Streitschrift erstellt, die für die Diskussion durchaus interessante Beiträge liefert, aber am Ende zu radikal ist, um ernsthaft als Lösungsvorschlag in der Gesellschaft diskutiert zu werden.

Niko Paech: Befreiung vom Überfluss.
144 Seiten, oekom verlag 2012, ISBN-13: 978-3-86581-181-3
Preis: 14.95€

 

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