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Uns erreichte neulich ein kleiner Hilferuf von Michael Hardt (Gast-Professor an der University of Lapland) zum Thema Energiewende. Er verdeutlicht die Komplexität des Themas und die Notwendigkeit einer differenzierten Auseinandersetzung. Nachfolgend der originale Text:

In der bisher weitgehend unberührten Natur Nordschwedens sollen in den kommenden Jahren tausende von Windkraftwerken errichtet werden. Türme mit einer Höhe von 200m, horizontale Windturbinen (also Propeller). Die Naturschützer stehen vor einem Dilemma: Windkraft zum Schutz der Umwelt: Ja, unbedingt. Aber was ist, wenn Windkraft dabei Natur in ganz grossem Stil zerstört? Naturzerstörung zum Schutz der Natur ist wie Entjungferung zum Schutz der Jungfräulichkeit.
Es geht hier um die letzten Lebensräume von Auerhahn, Braunbär, Luchs, Wolf. Es geht auch um die letzten Weidegebiete der Rentiere und damit die Existenz der Saami.
Die Energiefirmen denken einfach: Bei einer Bevölkerungsdichte von 3,5 Einwohner pro Quadratkilometer sind die Bürgerproteste gering.
In der Gemeinde Sollefteå, in der ich wohne, sind mehr als 1000 Türme geplant. Die Gemeinde ist doppelt so gross wie das Grossherzogtum Luxembourg. Hier wohnen aber nur 20.000 Menschen, Tendenz abnehmend. In fünf Jahren wird hier einer der grössten Windparks Europas entstehen, die Entvölkerung noch einmal dramatisch fortschreiten.
Irgendjemand muss Opfer bringen, damit die Energieversorgung umweltgerechter wird. Das wissen auch die Menschen im Norden von Schweden und sie sind bereit, ihren Beitrag zu leisten. Sie tun es bereits. Sollefteå ist der zweitgrösste Energieproduzent alternativer Energie in Schweden (Wasserkraft). Dass dabei die Laichgebiete der Lachse zerstört wurden, hat man in Kauf genommen. Dass dabei gleichzeitig die Bevölkerung um 20% abgenommen hat und nun die Infrastruktur (Schulen, Krankenhaus, Arbeitsplätze) droht, zusammenzubrechen, kümmert niemanden. Wörtliches Zitat der Windkraftbetreiber: „Der grösste Teil der Bevölkerung wird in den kommenden 20 Jahren sowieso aussterben, dann wird das Land leer sein“. Zynisch!
Wie sieht das Opfer aus?
Der hier produzierte Strom wird nach Deutschland transportiert werden. Pro Hundert km gehen 5% der produzierten Energie verloren. Von hier bis Frankfurt am Main sind es Luftlinie 1400 km. Was kommt da noch an? Wie hoch sind die Transportverluste insgesamt und damit die Transportkosten? Wie hoch sind die Investitionen für die aufwändigeren Stromtrassen (Windkraft braucht Spezialtrassen)?
Alternative Energie verlangt erst einmal ein Umdenken der Energieunternehmen. Statt zentralisierter Grossanlagen (wie Kernkraftwerke oder auch grosse Windparks) müssen wir in Zukunft dezentrale Energieproduktion betreiben Produktion so nahe wie möglich am Verbrauchsstandort.
Die US Energiebehörde hat berechnet, dass die Energieproduktion einen Effizienzgrad von 33% hat. Bei den geplanten Windkraftparks wird der Effizienzgrad weiter abnehmen.

Wir brauchen Rückendeckung aus Deutschland.

Windkraft: Ja bitte. Windkraft, die Natur zerstört: Nein Danke. Dann könnten wir ja gleich Atomkraftwerke hier bauen. Der Effekt wäre vergleichbar: Lebensraum zerstört, Natur zerstört, vom Aussterben bedrohte Tierarten weiter gefährdet.

Schöne Grüsse aus dem letzten Paradies Europas

Prof. Michael Hardt

Foto©Michael Hardt

 

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