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Windkraft Parks in Nordskandinavien. Ein Gastbeitrag von Prof. Michael Hardt

Irgendjemand muss immer ein Opfer bringen. Wenn man seinen Energieverbrauch nicht senken will, wenn man die Störungen und Belastungen der Windkraftparks vor seiner Haustür nicht dulden will, wenn man nicht weiss, wie man die Energieeffizienz bei der Produktion steigern kann und wenn man als Energieunternehmen nicht auf seine Gewinne verzichten will, dann müssen eben andere einen Beitrag leisten. Wer bietet sich da besser an, als die paar Waldbauern, Naturfreaks und Rentiernomaden im Norden Skandinaviens. Die Vorteile liegen auf der Hand: In den nahezu unbevölkerten Weiten Nordskandinaviens gibt es viel Wind und wenig Gegenwind: „Die paar Menschen, die jetzt noch dort oben wohnen und gegen die Windparks protestieren, sterben sowieso aus“ (Zitat eines Windkraftplaners).

Der produzierte Strom von mehreren tausend Windturbinen soll 2000km weit in den Süden transportiert werden. Es müssen dafür komplett neue Netzsysteme gebaut werden, da die existierenden Leitungen für wechselnde Belastungen nicht geeignet sind. Der Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat die umstrittene Südost-Gleichstrom Trasse von Sachsen-Anhalt nach Bayern in ihrer jetzigen Form für nicht durchsetzbar erklärt, ihre Notwendigkeit jedoch verteidigt. Bei Freileitungen werde man Lösungen suchen, die für die Menschen in der betroffenen Region verträglich seien. Die Trasse soll bereits in Norddeutschland beginnen, um von dort aus Windstrom nach Bayern zu transportieren. In Schwachwindzeiten solle Ökostrom aus Schweden und Norwegen in die Leitung eingespeist werden, kündigte Gabriel an. Dazu werden zwei Seekabel – eins nach Schweden und eins nach Norwegen – verlegt werden. Diese Stromtrassen seien nach der Abschaltung der Atomkraftwerke in Süddeutschland unverzichtbar. Andernfalls drohe in Teilen Deutschland langfristig ein Stromengpass mit unterschiedlichen Strompreis Zonen. Dann werde „die Region, in der Strom ein knappes Gut ist, in der oberen Preiszone liegen, die Region, wo Strom kein knappes Gut ist, in der unteren Zone“. (Spiegel online www.spiegel.de, 30.07.2014).

Er verschweigt dabei, dass die unterschiedlichen Preiszonen etwas mit Energieverlusten und Energieeffizienz zu tun haben. Die geplante Trasse löst nicht das Problem, sie ist das Problem. Auch mit den neuen Leitungen rechnet man mit Transportverlust von 5% pro 100km. Von der produzierten Windenergie in den einsamen Wäldern am Rand der Arktis kommt 2000km weiter im Süden nicht viel an. Energieeffizienz geht anders.

Jean-Claude Juncker forderte in seiner Antrittsrede: “Ein verbindliches 30-Prozent-Ziel zur Energieeffizienz bis 2030 ist für mich das Minimum, wir können nicht so tun, als seien wir die Anführer beim Klimaschutz, wenn wir nicht besser werden bei der Energieeffizienz.“

Verstehen die Politiker, wovon sie reden? Energieeffizienz von 30% haben wir heute. 70% der produzierten Energie geht verloren, vornehmlich auf dem Weg zwischen Produktion und Nutzung. Energieeffizienz bedeutet nicht, den Verbrauch zu verringern, sondern die Relation zwischen produzierter Energie und Energienutzen zu verbessern. Und hier haben die Energieproduzenten erheblichen Nachholbedarf. Die geplanten Windkraft Parks weit ab vom Nutzungsort tragen nicht zur Verbesserung sondern weiteren Verschlechterung der Energieeffizienz bei.

Die Vorteile alternativer regenerativer Energien liegen nämlich darin, dass eine dezentrale Produktion sehr nahe am Verbrauchsort möglich ist und damit Transportverluste sehr gering gehalten werden. Daraus resultiert dann die optimierte Energieeffizienz.

Windparks zu bauen – angeblich um die Umwelt zu schützen – die die Umwelt in gigantischem Ausmass zerstören, ist, ein böser Schildbürgerstreich: Die Vergewaltigung einer Jungfrau zum Schutze ihrer Unschuld. Man kann das auch als Augenwischerei und Volksverdummung bezeichnen.  Nach dem Desaster der Atomenergie sollte man etwas klüger und nicht schon wieder den Fehler machen, die Vorteile schönzureden und die Folgeschäden und -kosten zu verschweigen oder zu verdrängen.

Die Windgeneratoren mit den riesigen Propellern gelten derzeit nach dem Stand der Technik als die beste Lösung. Nachteile sind Eiswurf, Lärmbelastung (in der Stille, die sonst im Norden herrscht, hört man eine Windmühle über 15km weit), Schattenwurf, eingeschränkter Nutzungsgrad (bei zu wenig oder zu viel Wind nicht einsetzbar), sehr aufwendige Fundamente … Bei einer Nabenhöhe von 200m muss man 500m Sicherheitsabstand einhalten. (Bayern will diesen Sicherheitsabstand erhöhen).

Alleine in der Gemeinde Sollefteå in Västernorrland ist der Bau von 1000 Windkraftwerken geplant. Rund 25.000 Quadratkilometer Gelände würden unpassierbare Sicherheitszone. Dies entspricht der Grösse des Grossherzogtums Luxembourg und 50% der Gesamtfläche der Gemeinde Sollefteå. Der Schaden für die 20.000 Einwohner wäre beträchtlich, Nutzen für die Region gibt es keinen. Die Bauarbeiten werden von ausländischen Arbeitstrupps erledigt, die Einnahmen zentral in Stockholm verbucht.

Es gäbe bessere technische Lösungen mit geringeren negativen Auswirkungen für die Umwelt, besserer Effizienz und kostengünstiger für den Verbraucher. Diese Konzepte haben jedoch einen inakzeptablen Nachteil: Sie sind schlecht für die Börsennotierung der grossen Energieunternehmen. Aus finanztechnischen Gründen werden innovative Gesamtkonzepte mit manchmal geradezu kriminellen Methoden verhindert (nachzulesen bei Schumann und Grefe „der globale Countdown“). Die Windkraft Konzepte im Norden Skandinaviens gaukeln den Befürwortern einer ökologischen Energieproduktion vor, hier würde etwas für die Umwelt geschehen. Solange die Energieproduktion unserer Gesellschaft den spekulativen Regeln der Finanzwelt untergeordnet ist, wird sich nichts ändern.

Nordskandinavien leistet bereits heute mit seinen Wasserkraftwerken einen grossen Beitrag zur alternativen Energieproduktion, ohne selbst davon einen Vorteil zu haben. Die bereits erwähnte Gemeinde Sollefteå ist der zweitgrösste Energieproduzent und gleichzeitig die zweitärmste Gemeinde Schwedens.

Die Energiewende verlangt Opfer. Diese Opfer sollten aber unvermeidlich und verhältnismässig sein. Die Vernunft sollte dabei nicht geopfert werden.

Wenn die letzten Bären, Auerhähne, Luchse (u.v.m.) Nordeuropas aussterben, weil ihr Lebensraum durch grossflächige Windparks vernichtet wird, wenn das letzte Naturvolk Nordeuropas seiner kulturellen Wurzeln beraubt wird und in der Folge ausstirbt, damit die Energiewirtschaft subventionierte Profite machen kann, dann ist die Frage nach der Verhältnismässigkeit der Opfer gerechtfertigt.

Die Be- und Verhinderer einer innovativen Energiepolitik sind das Problem. Eine kleine Zahl namentlich identifizierbarer Manager der Energieunternehmen, die ihren Job darin sehen, Gewinne zu maximieren statt als visionäre Energiefachleute zur Lösung globaler Energie- und Umweltprobleme beizutragen. Die technischen Lösungen sind alle vorhanden. Wir haben nur die falschen Leute in den Führungspositionen.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/stromtrasse-gabriel-rueckt-von-planung-fuer-suedost-passage-ab-a-983548.html
http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/energieeffizienz-oettinger-stutzt-ziele-fuer-eu-klimapolitik-a-981309.html
Schumann Harald, Grefe Christiane; der globale Countdown, Kap. 6 S233ff. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2008

Foto©Spiegel

 

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