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futurestrategy hat in seinem Interview des Monats diesmal mit Jan-Moritz Jericke von atmosfair gesprochen. Jan-Moritz Jericke (M.A.) studierte International Affairs mit Schwerpunkt Umwelt und nachhaltige Entwicklung in St. Gallen, Vancouver und Paris. Vor seiner Tätigkeit bei atmosfair konnte er als UN-Delegierter in New York Erfahrungen im Bereich der multilateralen Zusammenarbeit zu Nachhaltigkeitsthemen sammeln (Klimawandel, Meeresschutz, Schutz der Biodiversität). Seit Anfang 2012 ist er bei atmosfair für den Bereich Zusammenarbeit mit Unternehmenskunden zuständig. Zu seinen Aufgaben gehört insbesondere die Erarbeitung von individuellen Kompensationslösungen für größere Unternehmen.

Herr Jericke, die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung sieht eine Reduktion der CO2 Emissionen um 80-95% bis 2050 gegenüber dem Niveau von 1990 vor. Bis 2020 sollen die Emissionen immerhin um 40% gesenkt werden. Tatsächlich aber steigen die CO2-Werte in Deutschland in den letzten Jahren wieder an. Trotz Energiewende und trotz ambitionierter Ziele. Wie bewerten Sie die Entwicklung, auch vor dem Hintergrund der Vorreiterrolle, die Deutschland spielt?
Jericke: Die aktuelle Situation ist tatsächlich aus Klimaschutzsicht wenig befriedigend. Eine aktuelle Stellungnahme des Bundesumweltministeriums sagt eindeutig, dass Deutschland das Ziel einer CO2-Reduktion von 40% gegenüber 1990 im Jahr 2020 klar verfehlen wird, wenn nicht zusätzliche Maßnahmen angestoßen werden. Deutschland muss also mehr tun für den Klimaschutz. Zum einen, weil jede Tonne CO2, die nicht in die Atmosphäre gelangt dazu beiträgt, den Klimawandel und seine Folgen zu begrenzen. Je früher die Emissionen eingespart werden, desto geringer sind die volkwirtschaftlichen Kosten. Zum anderen muss Deutschland zusätzliche Maßnahmen einleiten, um des Status als Klimavorreiter nicht zu verlieren. Andere Länder wie China und selbst die USA begeben sich momentan auf einen Pfad von mehr Klimaschutz. Wenn Deutschland zum Bremser wird, wäre das ein fatales Signal.

atmosfair engagiert sich im Bereich der Kompensation speziell von Reisen. Die Deutschen waren jahrelang Reiseweltmeister und trotz hoher Werte bei Umfragen zum Thema Klimabewusstsein liegt die Anzahl von Kompensation von privaten Flugreisen nach wie vor im Promille-Bereich. Wie erklären Sie sich das?
Jericke: Ein Hauptgrund ist sicherlich, dass atmosfair in weiten Teilen der Bevölkerung immer noch relativ unbekannt ist. Wir arbeiten hart daran, dies zu ändern, indem wir zum Beispiel mit Flughäfen und Reiseanbietern zusammenarbeiten. Ein weitere Grund ist die Unsicherheit vieler Menschen beim Thema Kompensation. Immer wieder werden Kompensationsanbieter (übrigens zurecht!) für ihre unseriöse Arbeitsweise in der Presse kritisiert. Dies schadet auch Anbietern wie atmosfair, die transparent arbeiten und sich an höchste Klimaschutzstandards, z.B. CDM Gold Standard für Klimaschutzprojekte, halten. Hier herrscht große Unsicherheit, die man nur über klare Kommunikation und jahrelange gute Arbeit mildern kann.

Viele stehen der Kompensation von CO2 Emissionen eher skeptisch gegenüber. Manchen sprechen gar von Greenwashing. Ist die Reduktion und das Verhindern von CO2 Emissionen nicht der wichtigere Weg zu einer klimaneutralen Gesellschaft?
Jericke: Vermeiden und Reduzieren ist immer der bessere Weg. Allerdings ist es für den Klimaschutz auch wichtig, möglichst schnell möglichst viel CO2 einzusparen. Bei Aktivitäten, zu denen es bisher keine klimafreundliche Alternative gibt, ist daher Kompensation wichtig. Flugreisen sind hier ein gutes Beispiel. Atmosfair kann und will niemandem vorschreiben, auf Flüge zu verzichten. Es gibt gute Gründe zu fliegen. Und dann ist Kompensation als zweitbeste Lösung ein Muss. Klar sollte man sich vor einem Urlaub fragen, ob man nicht lieber eine Destination wählt, die man mit dem Zug erreichen kann. Und wenn man schon fliegt, sollte man sich vor Ort Zeit nehmen, das Land zu erkunden und nicht jedes Jahr wieder hinfliegen. Auf der atmosfair-Homepage haben wir Tipps zum klimafreundlichen Reisen zusammengetragen, weil Vermeiden und Reduzieren wenn möglich immer Vorrang vor der Kompensation haben sollte.
Übrigens kompensiert atmosfair keine Aktivitäten, zu denen es bereits heute klimafreundliche Alternativen gibt, z.B. Strom oder Autofahrten mit dem Privatauto. Das wäre in der Tat Greenwashing.

Puma bezeichnet sich als erstes klimaneutrales Sportlifestyle-Unternehmen der Welt. Ist das der Weg, den die Unternehmen gehen sollten? Werden diese Unternehmen dadurch Wettbewerbsvorteile in Zukunft erreichen?
Jericke: Zunächst einmal: Puma ist kein „klimaneutrales“ Unternehmen. Klimaneutralität würde bedeuten, dass von Puma keinerlei Emissionen mehr ausgestoßen werden. Puma kompensiert seine Emissionen, das ist aber nicht „klimaneutral“, denn es sind ja Emissionen entstanden. Dennoch ist es der richtige Weg, Klimaschutz umfassend zu denken – also Emissionen zu reduzieren wo es möglich ist und unvermeidbare Emissionen zu kompensieren. Mit einem solchen integrierten Ansatz, der Vermeidung und Kompensation an den richtigen Stellen einsetzt, lassen sich definitiv Wettbewerbsvorteile erzielen. Wer Klimaschutz umfassend denkt ist glaubwürdig und kann das auch offensiv kommunizieren. Genau mit diesen Ansatz arbeitet atmosfair bereits mit einigen Unternehmen im Bereich Geschäftsreise zusammen und die Resonanz ist sehr positiv.

 

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