deutschlandfahne

In der Süddeutschen Zeitung erschien ein bemerkenswerter Essay zum Thema Innovationen in Deutschland. Darin kommentierte Gerhard Matzig die neue High-Tech-Strategie der Bundesregierung, die Deutschland zum „Innovations-Weltmeister“ führen soll. So hat die Ministerin Wanka wahrscheinlich die Rechnung ohne ihre Bürger gemacht. Deutschland ist Angestelltenland – von der Politik und von der Gesellschaft erwünscht und gefördert. In Deutschland müßte man als nahe an der Grenze der Unzurechnungsfähigkeit befunden werden, wenn man nicht das Angestelltendasein, sondern das Unternehmertum anstreben würde. Mindestens 12 Monatsgehälter, manchmal 13 oder auch 14, gefühlte 6 Wochen Urlaub oder mehr (bezahlt), eine Arbeitszeit von 9 to 5 (manchmal vielleicht etwas länger, was der Arbeitgeber aber gerne sieht), ein Fahrzeug gibt es oben drauf  (80% der deutschen Premiumfahrzeuge sind geleast, bzw. Geschäftswagen), darüberhinaus erhält das Spitzenpersonal noch Bonuszahlungen, Miet- und Umzugszuschüsse und viele „inventives“ mehr. Krönender Abschluss im Angestelltenparadieses ist (in den meisten Fällen) eine gut ausgestattete und sichere Rente, die auch in Zukunft die Kreuzschiffahrt als Wachstumsmarkt erhalten läßt. Allerdings bezahlt das Angestelltenland dafür mit einer Innovations- und Gründungsmüdigkeit, so das es immer weiter im internationalen Ländervergleich abrutscht (Global Innovation Index Platz 13, World Competitiveness Report Platz 106). Das Wohlfühl-Ambiente der Angestellten in den Unternehmen, Behörden und Instituitonen führt zu Mut- und Risikolosigkeit, zu Job nach Vorschrift, und macht allein die Aussprache des Wortes „Veränderung“ zu einem „No Go“. Es führt auch dazu, dass viele Angestellte trotzdem innerlich gekündigt haben, nur das nötigste im Unternehmen tun und alles andere einfach ertragen. Wofür sich unnötig einen Kopf machen? Hauptsache der Lohn wird überwiesen und das man seine immer mindestens ein Jahr im voraus geplanten und gebuchten Urlaube mit den Kindern im Sommer wie im Winter antreten kann. Waren wir nicht mal Reiseweltmeister? Das Geld aber allein auch nicht glücklich macht zeigen die steigenden Raten des Burnout-Syndroms oder anderer psychischer Krankheiten. Nur verständlich, wenn man sich jeden Tag selbst verleugnet. Eine Studie des Harvard Business Review hatte gezeigt, dass große Unternehmen Innovation nicht können, aufgrund ihrer Strukturen und ihrer Kultur. Innovation kann nur von risikofreudigen Menschen kommen, die Lust auf etwas neues haben, die in kleinen Einheiten ausprobieren und experimentieren wollen, die Startups gründen, wo Veränderung zum Tagesgeschäft gehört, aber auch Unsicherheit und Unregelmäßigkeit (was Arbeits- und Urlaubszeiten anbelangt, aber auch was Geldeinkünfte betriftt). Aber wer will das schon im Angestelltenland? Schlecht auch für das Thema Nachhaltigkeit. Eine nachhaltige Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft wird nur mit Innovationen gelingen, wir brauchen neue Produktionsweisen, neue Energiequellen, neue Produkt- und Serviceangebote und wir müssen neue Lebensstile finden, die in den Grenzen der Tragfähigkeit der Erde funktionieren. Wer wird diese Chancen ergreifen im Land der Angestellten?

 

Kommentare sind geschlossen