52352639

Der Süddeutsche Zeitung-Journalist Björn Finke verfasste am 27.10.2014 im Wirtschaftsteil der Süddeutschen unter dem Titel  „Ein billiger Segen“ ein Hohelied auf den freien Wettbewerb und auf die Konsumentensouveränität durch den Vormarsch der Billig-Lebensmittel-Discounter in Großbritannien. Eine Lobpreisung auf die Discounter, die auch dem sogenannten Geringverdiener das Schnitzel und die Wurst jeden Tag ermöglichen. Billig ist das Angebot ja deshalb nur, weil die Discounter ganz „mickrige Gewinnmargen“ einfahren. Wie kurzfristig ist das gedacht, wie unreflektiert werden hier Billig-Lebensmittel in den Himmel gelobt („Eine Welt ohne Discounter wäre eine Welt, in der sich Menschen weniger leisten können“). Hat Herr Finke noch nie etwas vom ökologischen Fußabdruck gehört, der in den Industrieländer so hoch ist, dass wir drei bis fünf Erden bräuchten, wenn alle so leben würden wie wir. Und das hat auch mit unserem maßlosen Fleischkonsum zu tun (90kg/Jahr pro Person), der in den Billig-Läden verammscht wird. Wenn die Margen so mickrig sind, wie kommt es dann, dass die Herren Albrecht und Schwarz seit Jahren unangefochten die Milliardärsliste in Deutschland mit anführen? Glaubt Herr Finke im Ernst, dass hier Wohltäter am Werk sind, die auch den Armen im Lande das Fleisch gönnen? Herr Finke sollte sich mit den Produzenten unterhalten, z.B. den Milchbauern, die zum Teil unter ihrem Herstellungspreis die Milch verkaufen müssen, aufgrund der Marktdiktion der großen Discounter. Oder so billig produzieren, dass Tier und Umwelt schaden nehmen müssen. Diese Schäden und die damit verbundenen Kosten tauchen ja nicht in den Bilanzen der Billigläden auf. „Ein billiger Segen“ trägt dazu bei, den kulturellen Verfall der Wertschätzung von Lebensmitteln, ihrer Herstellung und ihrer Zubereitung weiter voranzutreiben. Wir Deutschen geben nur noch ca. 10% unseres Einkommens für Lebensmittel aus. Schlußlicht in Europa! Dafür sind wir führend, was Reisen nach Malle und der Konsum von Flachbildschirmen betrifft. Das Argument, das Geringverdiener gesegnet sind mit den Discountern, hält nach der jüngsten Studie des Öko-Instituts auch nicht Stand. Darin wird festgestellt, dass gerade mal sieben Euro (!) Mehrkosten pro Monat entstehen, wenn man sich mit ökologisch hergestellten und fair gehandelten Lebensmitteln eindeckt und sich an den Empfehlungen der Deutschen  Gesellschaft für Ernährung orientiert (weniger Fleisch, mehr Gemüse und Obst). Ich würde mir mehr reflektiertere Kommentare in Zukunft in der Süddeutschen wünschen. Eine weiteres Wachstum der Billigheimer und seiner kulturellen Auswirkungen können wir uns definitiv nicht leisten.

Eine verkürzte Fassung dieses Beitrags wurde im Forum der digitalen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung am 7. November 2014 veröffentlicht.

 

Kommentare sind geschlossen