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In seinem neuen Buch „Transformationsdesign“, erschienen im Münchener oekom Verlag, appeliert Welzer für eine Transformation der sogenannten expansiven Moderne hin zu einer reduktiven Moderne. Die Stärke in Welzer´s Buch liegt in der Analyse von historischen Transformationen, wie z.B. die neolithische Revolution (vom Jäger und Sammler hin zum seßhaften Bauer), die industrielle Revolution (Produktionsexplosion durch billige Energie aus fossilen Trägern, Verstädterung, Bürgertum, etc.), oder auch die Abschaffung des Sklaverei und ihren besonderen Rahmenbedingungen und Voraussetzungen, um daraus Rückschlüsse zu ziehen für eine Transformation in eine zukunftsfähige Moderne. Fest steht für Welzer, dass das jetzige Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell uns einen bisher unbekannten Wohlstand beschert hat, aber auch nicht-materielle Standards wie Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Bildungs-, Gesundheits- und Sozialversorung, die wir nicht mehr missen wollen. Die spannende Frage, die sich Welzer stellt, ist wie sich diese zivilisatorischen Errungenschaften bewahren lassen ohne aber weiter einen zerstörerischen, nicht nachhaltigen Pfad zu folgen. Es besteht kein Zweifel, dass bei Weiterführung der nicht nachhaltigen Praktiken die Menschen Gefahr laufen, ihre zivilisatorischen „Standards“ zu verlieren (Konflikte um Ressourcen, Notstandsgesetze, etc.). Die Vorschläge, die Welzer anführt, scheinen aber alles andere als praktikabel zu sein, weil nicht im Mainstream umsetzbar. Hier setze ich auch die Kritik an. Man kann Welzer zustimmen, dass reine technikfokussierte Lösungen sicher nicht zum Ziel führen werden (z.B. Stichwort Rebound-Effekte), aber seine Ideen zum „Einüben des Weglassens“, wie zum Beispiel die Nutzung von öffentlichen Wasserentnahmestellen als Trinkwasserversorgung, die Verwendung von Feinstrumpfhosen als Ersatz von Keilriemen (Praxis der Trabbibesitzer in der Ex-DDR), Kunstprojekte des Neuen Berliner Kunstvereins ( Kernbohrungen), die „Anti-Villa“ von Brandlhuber oder einfach „zu Hause zu bleiben“ sind so radikal, dass die notwendige schnelle Implementierung nachhaltiger Praktiken in der Gesellschaft als praktisch unmöglich angesehen werden muß. Die Kluft zwischen Theorie und Praxis erscheint als so hoch, dass es besser wäre, zu fragen was möglich ist, als zu hoffen und zu warten, dass sich radikale Lösungswege in Gesellschaft und Wirtschaft umsetzen lassen. Besonders irritierend ist die Kritik Welzer´s an der sogenannten „Bewusstseinsbildung“, z.B. in Form der UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung. Er spricht von einer Reflexionsindustrie, die friedlich mit den nicht-nachhaltigen Produktions- und Konsumverhältnissen koexistiert. Es darf die Frage erlaubt sein, ob Welzer nicht selber Teil eben dieser von ihm so vehemt kritisierten Industrie ist, solange es bei ihm selbst beim Bücherschreiben und in der Ausübung von universitären Tätigkeiten bleibt.Trotz Kritik ist das Buch lesenswert aufgrund der scharfen Analysen Welzers und seiner provokanten Thesen und sicherlich ein interessanter Beitrag zur allgemeinen Diskussion um die richtigen zukunftsfähigen Lösungen.

 

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