Scherhorn-Wachstum-oder-Nachhaltigkeit-Titel

Dr. Gerhard Scherhorn, emeritierter Professor für Konsumtheorie und Verbraucherpolitik an der Universität Hohenheim in Stuttgart, besticht in seinem vom Altius Verlag herausgebenen Band „Wachstum oder Nachhaltigkeit“ mit messerscharfen Analysen vom sozialen Wesen Mensch und seinen (wirklichen) Bedürfnissen, vom Wachstumsparadigma, das von Politik, Wirtschaft und schließlich auch vom Konsumenten gepredigt und durchgesetzt wird und von der Ausbeutung (oder Kultivierung) der Gemeingüter. Hervorzuheben sind die zahlreichen Problemanalysen, die Scherhorn dann zu Lösungsansätzen führt. So wird der Begriff Suffizienz, der ja für eine nachhaltige Entwicklung unabwendbar nötig ist, nicht als ein Hort des Verzichts definiert, sondern im Gegenteil als Gewinn für jeden Einzelnen von uns. Seine Erklärung: „Suffizienz ist nach der hier vorgelegten Argumentation das Sichbegnügen mit dem Ausreichenden. Das Ausreichende ist abgeleitet aus dem Vermeiden des Zuviel. Das Zuviel ist schädlich, weil es wichtige andere Bedürfnisse oder Ziele beeinträchtigt. Das wird leicht übersehen, weil die Beeinträchtigung sich erst in der Zukunft bzw. in den Commons auswirkt. Suffizientes Handeln besteht folglich im Vermeiden des künftigen Schadens durch Aktualisierung und Aufwertung künftiger Bedürfnisse. Diese Argumentation hat den Vorteil, den Gewinn der Suffizienz sichtbar zu machen. Er liegt für das Individuum im reiferen Selbst, für den privaten Haushalt im Beitrag des Konsums zu einem erfüllteren Leben, für die Unternehmung in der besseren Zukunftsfähigkeit (…) Suffizienz erfodert keineswegs, das kurzfristige Kalkül zu unterlassen, wohl aber es stets an der langfristigen Perspektive zu messen und ggf. durch Aktualisierung künftiger Ziele zu korrigieren.“ Scherhorn kritisiert an mehreren Stellen in seinem Buch die Werbeindustrie, die permanent unerfüllte Wünsche und Sehnsüchte bei den Menschen anspricht und das Kaufen für vielfältigste Möglichkeiten der Kompensation positioniert. Kaufen kann man heute Freiheit, Fülle oder Sicherheit, aber auch Abenteuer, Geselligkeit und Kreativität. Allerdings erwirbt man dabei nur die Symbole und nicht die Tätigkeiten an sich oder das eigene Erleben. „Gekauft werden soll nicht mehr, weil man das Gut braucht, sondern weil man die Illusion braucht, die ihm aufgesetzt worden sind.“ Einen kleinen Wermutstropfen hat die Analyse von Scherhorn. Es ist schwer nachzuvollziehen, dass der Mainstream der Gesellschaft die Voraussetzungen schaffen wird, das die Menschen sich mit weniger „marktgängigen Gütern“ begnügen, um sich mehr den „marktfreien Bedürfnissen“ zu widmen: Bedürfnisse nach menschlicher Beziehungen, gemeinschaftsbezogenen Handeln, selbstbestimmte und kreative Entfaltung, nach gesunder Lebensführung, nach Sinn, Ruhe, Spiritualität u.a.m. Hier kommen dem Leser Zweifel auf, ob diese große Transformation von Werten und Haltungen in der Gesellschaft in dem dafür zur Verfügung stehenden Zeitrahmen realisiert werden kann. Scherhorn formuliert dieses Wunschdenken an anderer Stelle im Buch: „Würde das Prinzip Nachhaltigkeit von der Masse der Konsumenten wirksam befolgt, so würden sie nicht mehr guten Gewissens fossile Energie zum Heizen und Autofahren verschwenden, übers Wochenende nach Mallorca fliegen oder die derzeit angebotenen Einwegverpackungen verwenden. Sie würden Kaffee aus fairem Handel kaufen, bei technischen Produkten auf Reparierbarkeit und Kreislauffähigkeit achten und sich beim Kauf von Produkten und Dienstleistungen insgesamt maßvoll verhalten.“ Ob wir das noch erleben dürfen? Das Buch von Scherhorn ist nicht nur für den Ökonom interessant, sondern spricht alle Akteure an, die das Wachstumspradigma durch ein Nachhaltigkeitsparadigma ersetzen wollen. Die zum 80. Geburtstag des Sozialökonomen Gerhard Scherhorn hier gesammelten Aufsätze aus seiner Feder können als umfassendes Nachschlagewerk für diesen Diskurs sehr gut dienen.

 

One Response to Wachstum oder Nachhaltigkeit

  1. […] Der Sozialökonom und Konsumtheoretiker Gerhard Scherhorn, emeritierter Professor an der Universität Hohenheim, “besticht in seinem vom Altius Verlag herausgebenen Band’Wachstum oder Nachhaltigkeit’ mit messerscharfen Analysen vom sozialen Wesen Mensch und seinen (wirklichen) Bedürfnissen, vom Wachstumsparadigma, das von Politik, Wirtschaft und schließlich auch vom Konsumenten gepredigt und durchgesetzt wird und von der Ausbeutung (oder Kultivierung) der Gemeingüter. Hervorzuheben sind die zahlreichen Problemanalysen, die Scherhorn dann zu Lösungsansätzen führt”. (futurestrategy.de/wachstum-oder-nachhaltigkeit) […]