Eine jüngst veröffentlichten Studie „Transformation der Immobilienwirtschaft“ der TU Darmstadt (1) kommt zu dem Ergebniss, das Nachhaltigkeit als weniger bedeutsam und damit weniger relevant für die Immobilienwirtschaft eingeschätzt wird. Das deckt sich mit den Ergebnissen von oekom Research, die die Nachhaltigkeitsperformance von Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen bewertet und die Immobilienbranche zum wiederholten mal auf den letzten Platz listet (noch hinter der Öl- und Gasindustrie!).
Wie kann das angesichts sozialer Herausforderungen wie akuter (bezahlbarer) Wohnugsmangel in den Städten und öklogischen Krisen wie Klimawandel, Bodenversiegelung und Ressourcenverschwendung/-verknappung (Sand!) sein, um nur einige Themen zu nennen?

Die Studie erkennt richtig, dass die Branche die Chancen des Strukturwandels gerade verpasst und die Risiken unterschätzt, weil sie sich immer noch in Partystimmung befindet. Aber wir wissen alle aus Erfahrung, wenn man das Feiern übertreibt, folgt schnell die Katerstimmung.

Die am Center for Sustainable Business (CSB) an der ESMT Berlin erstellte Studie „Sustainability Hotspots in der Immobilien- und Stadtentwicklung“ (2) kommt zu der Erkenntnis, dass die Bau- und Immobilienwirtschaft nicht so nachhaltig ist wie sie sein könnte. „Es gibt diese Macht der Trägheit – es ist einfacher nichts zu ändern für jeden im Immobilien-Ökosystem“, um nur einen Experten aus der Studie zu zitieren. Neben der Partystimmung, in der sich die Branche seit einigen jahren befindet, ist noch etwas feststellbar: Die Branche ist bislang nicht gewohnt, markt- und wettbewerbsstrategisch zu agieren.
Wer behindert und wer treibt nach vorne? Hier weisen alle mit den Finger auf den anderen, wie der Autor der Studie in Berlin notiert. Den Akteuren, die eine nachhaltige Entwicklung behindern (Bauherren, Investoren und öffentliche Akteure) werden im Gegenzug genau die Rolle zugeordnet, die Entwicklung positiv voranzutreiben.

Branchen (wie auch Unternehmen), die die Zeichen der Zeit nicht rechtzeitig erkennen, die nicht in der Lage sind sich zu wandeln, bzw. zu transformieren werden zerstört (wie es schon Schumpeter in den 30er Jahren etwas martialisch formulierte). Wie kann die Transformation also in der Branche gelingen? Natürlich brauchen wir Rahmenbedingungen, die die Politik vorgibt (Klimaschutzgesetz, sozialgerechte Bodennutzung, Erbbaurecht, Kappungsgrenzen, Bestellerprinzip, auch Reduzierung/ Vereinheitlichung der Grundsteuer, etc.).
Ein weiteres wichtiges Feld ist das Problem der Inside-out Denk- und Handlungsmuster vieler Unternehmen: Wo ist kurzfristig im Markt das Geld zu maximieren? Es muß ein Paradigmawechsel erfolgen hin zu einem Outside-In-Blick: Wo liegen die Herausforderungen der Menschen, der Gesellschaft? Und welche Lösungen kann ich als Unternehmen anbieten (und damit Geld verdienen)? Nachhaltigkeit (=Zukunftsfähigkeit) bietet einen breiten Ansatz, Lösungen zu entwickeln, mit denen man profitabel wirtschaften kann, auch und besonders für die Immobilien- und Baubranche. Es gibt Pioniere, die sich auf den Weg gemacht haben. Sie setzen neue Prozesse auf (Kooperation/ Partizipation, Konzeptverfahren, integrale Planung), sie bauen nachhaltige Gebäude und Quartiere und experimentieren mit innovativen Bauweisen (modular, Holz). Wer Lust auf Zukunft hat, sollte sich ihnen anschließen bevor die Kraft der schöpferischen Zerstörung zuschlägt.

(1) Andreas Pfnür, Benjamin Wagner (2018): Transformation der Immobilienwirtschaft – Eine
empirische Studie deutscher immobilienwirtschaftlicher Akteure. In: Andreas Pfnür
(Hrsg.), Arbeitspapiere zur immobilienwirtschaftlichen Forschung und Praxis, Band Nr. 37.

(2) Benjamin Scheerbarth, Joanna Radeke (2019): Sustainability Hotspots in der Immobilien- und Stadtentwicklung,
Abschlussbericht, ESMT/ CSB Berlin

Bild: Häuserzeile in der Europcity, Berlin

 

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